Der jüdische Bund in der Schweiz
Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland (Bund) wurde Ende September 1897 in Wilna gegründet. Schon ab den 1870-1880er Jahren hatten sich unter dem Anstoss der gescheiterten narodniki- und der Haskala- Bewegungen jüdische sozialistische Zirkel in einigen Städten des Ansiedlungsrayons des Russischen Reiches herausgebildet. Die grossen sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen, welche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Reich durchdrangen, hatten auch auf die jüdische Bevölkerung eine starke Wirkung. Immer mehr Juden schlossen sich revolutionären Gruppen an, oft mit der Hoffnung, den Diskriminierungen, unter denen sie litten, ein Ende zu setzen. Die Lebensbedingungen der jüdischen Bevölkerung waren schwierig. Obwohl die Mehrheit immer mehr verarmte, wurde sie zum Sündenbock für die Entwicklung der neuen kapitalistischen Verhältnisse und der sozialen Umwälzungen gemacht. Die Palen-Kommission, die vom Zaren eingesetzt worden war, berichtete 1888, dass ungefähr „90 Prozent der jüdischen Bevölkerung im Ansiedlungsrayon [in] proletariatsähnliche[n] Lebensverhältnisse[n]" wohnten. Mit der Gründung des Bundes entstand zum ersten Mal eine jüdische Arbeiterpartei. Sie zielte zuerst auf bessere Arbeits- und Lohnbedingungen für die Arbeiter. Später nahm der Bund Stellung zur nationalen Frage und engagierte sich für das Konzept einer „national-kulturellen Autonomie“. Die Partei war damals, wie alle anderen Oppositionsparteien im Russischen Reich verboten. Sie musste sich in der Illegalität entwickeln und ihre Agitation unter den jüdischen Arbeitern treiben. Ihre Mitglieder wurden regelmässig verhaftet. Einige wurden verbannt. Anderen gelang die Flucht ins Ausland. Schon im Dezember 1898 wurde in Genf das Auslandskomitee des Bundes gegründet. Es sollte bis kurz nach der bolschewistischen Revolution von 1917 bestehen. Auch in Bern und Zürich, wo sich eine bedeutende Zahl russisch-jüdischer Studenten aufhielt, existierten Bund-Abteilungen.6 Wichtige Theoretiker des Bundes wie Vladimir Medem und Vladimir Kosovski verfolgten eine Zeit lang ihre Tätigkeiten sowie die Aktivitäten des Bundes im Ausland von der Schweiz aus. Der 5. und 6. Kongress des Bundes fanden beide 1903 bzw. 1905 aus Sicherheitsgründen in Zürich statt. Andere geheime Versammlungen wurden regelmässig in der Schweiz abgehalten.
Die Präsenz des jüdischen Bundes in der Schweiz wurde bis jetzt kaum erforscht. Das Ziel meiner Masterarbeit ist, die Anwesenheit in der Schweiz dieser für die Geschichte der Juden in Osteuropa wichtigen Partei näher zu untersuchen. Dabei sollte auf die Mitglieder des Auslandskomitees sowie das Funktionieren und die Tätigkeiten der Organisation eingegangen werden. Wichtig sind auch die Beziehungen zwischen dem Bund und den anderen russischen sozialistischen bzw. revolutionären Bewegungen in den Schweizer Universitätsstädten, die Zentren für die Versammlung der damaligen russischen Oppositionsemigration darstellten. Das Verhältnis des jüdischen Bundes zu den kantonalen und föderalen Behörden gehört auch zur Fragestellung. Je nachdem, was in den Quellen zu finden sind, wird sich die Fragestellung einschränken, bzw. leicht ändern.
Meine Arbeit wird vor allem auf die Bearbeitung der Quellen des Auslandskomitees des Bundes, die sich im „Institute of social history“ (IIHS) in Amsterdam befinden, beruhen. Ohne sie wäre diese Arbeit nicht ausführbar. Das Archiv des Auslandskomitees des Bundes, das sich bis 1917 in Genf befand, wurde nach der Auflösung des Auslandskomitees teilweise nach Wilna transportiert, bevor es wegen des Russisch-Polnischen Kriegs von 1920 nach Berlin gelangte. 1933 wurde es nach Paris gebracht, wo das IISH es kaufte. Das Archiv enthält Flugblätter, Briefe, Prospekte, Zirkulare, finanzielle Berichte und Tätigkeitsberichte des Auslandskomitees sowie verschiedener lokalen Komitees des Bundes. Diese unerlässlichen Dokumente sollten durch Akten des Archivs der verschiedenen Schweizer Städte, die betroffen sind, sowie des Bundesarchivs in Bern ergänzt werden.